Bell Flavors & Fragrances

Bell Flavors & Fragrances
oder
Miltitz als boomender Industriestandort

 Gastbeitrag von Dr. Leonhard Kasek

Bezogen auf die Einwohner gibt es in Miltitz dreimal so viele Industriearbeitsplätze wie im Leipziger Durchschnitt. Der wichtigste Betrieb davon ist die heutige „Bell Flavors & Fragrances Duft und Aroma GmbH“ wie sie nach ihrem neuen Eigentümer, einer Firma aus den USA, heißt. Gegründet wurde das Unternehmen 1829 von den Leipziger Apothekern Spahn und Büttner. Sie begannen ätherische Öle und andere pflanzliche Inhaltsstoffe in einem kleinen Betrieb, der dort stand, wo sich heute die Westhalle des Hauptbahnhofes (siehe auch Wikipedia Enzyklopädie – http://de.wikipedia.org/wiki/Schimmel_%26_Co. – mit weiteren Informationen zur Firmengeschichte) befindet, in größerem Umfang zu gewinnen, als das in der Apotheke möglich war. Seit 1854 firmierte das Unternehmen unter Schimmel & Co. Bald wurden in der Leipziger Umgebung viele der benötigten Pflanzen angebaut und Miltitz war in ein Meer von Rosenfeldern eingebettet. Der Miltitzer Gasthof Rosensäle erinnert noch heute an diese Zeit. Um die Jahrhundertwende wurde es nach mehreren Umzügen in Leipzig endgültig zu eng. Das Unternehmen zog nach Miltitz, genauer nach Kleinmiltitz¹. Dort besaß es bereits Gebäude und Grundstücke im Zusammenhang mit dem Anbau der Ausgangspflanzen. Auch das in größerem Umfang benötigte Wasser gab es reichlich. Mit der Ansiedlung griff das Unternehmen unbeabsichtigt in den Dauerstreit mit dem ungeliebten Nachbarn Großmiltitz ein. Der wirtschaftliche Schwerpunkt verlagerte sich nun auf die andere Seite des Zschampert.

Schimmel, das war in Miltitz und Umgebung ein fester Begriff für die chemische Fabrik, in der 1989 ca. 800 Menschen Arbeit fanden. Seit den 70er Jahren war der Miltitzer Betrieb Stammbetrieb eines Kombinates, zu dem fast alle kosmetischen Betriebe der DDR gehörten.
In der Treuhandzeit nutzten über 60 Firmen, darunter renommierte Unternehmen der Duft- und Aromenindustrie, die Gelegenheit die Gebäude, Anlagen, das Potential der Firma, die gemeinhin als die Mutter der Branche gilt zu erkunden.
Unter den Kaufinteressenten war auch der heutige Eigentümer, ein amerikanisches weltweit operierendes Unternehmen mit Stammsitz in Chicago. Die Privatisierung zog sich hin. Erst Mitte 1993 konnten die Amerikaner den nördlichen Teil des Werkes von der Treuhand mit ca. 80 Mitarbeitern übernehmen.   Es erfolgte der rasche Ausbau von bereits Mitte der 80er Jahre von der DDR begonnen Neubauten.  Seitdem geht es kontinuierlich aufwärts. Heute finden wieder ca. 250 Menschen im Miltitzer Betrieb Arbeit. Dabei kamen dem Unternehmen die weltweiten Wirtschaftsverbindungen und Marketingerfahrungen der Amerikaner ebenso zu gute wie ein Stamm von engagierten, erfahrenen Mitarbeitern.

Geholfen hat dem Unternehmen aber auch das wachsende Misstrauen der Verbraucher gegenüber der harten Synthesechemie. Miltitz produziert noch immer wie seit über hundert Jahren Riech- und Aromastoffe aus Pflanzen. Ein großer Teil wird exportiert. Aber auch Florena Waldheim gehört wie Maggi, kleineren regionalen Likörfabriken und anderen regionalen Betrieben zu den Abnehmern. Neuerdings werden auch Lichtschutzwirkstoffe aus Pflanzen produziert.
Oft ist es dabei so, dass der Auftraggeber nur eine vage Vorstellung davon hat, welche Düfte oder Aromen er sucht. In der Regel beginnt ein Auftrag daher damit, in dem Firmeneigenen Labors neue Mischungen zu kreieren bis Nase oder Gaumen der Besteller signalisieren, das ist es.

Es versteht sich fast von selbst, dass ein Unternehmen, das auch vom wachsenden Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein der Verbraucher profitiert, sich selbst vorbildlich für den Umweltschutz engagiert. Das Wasser, das heute aus dem Unternehmen in den Zschampert gelangt ist von versiegelten Flächen aufgefangenes sauberes Regenwasser. Alle Abwässer gehen in die Kläranlage Rosental. Die Gerüche um das Werk haben sich drastisch vermindert, auch wenn das Werk die Umgebung noch immer von Zeit zu Zeit dezent parfümiert.
Beeindruckend ist auch das Engagement vieler Mitarbeiter des Betriebes in den verschiedenen Leipziger Arbeitskreisen, die sich für umweltfreundliche Produktion engagieren.
Ebenfalls imponierend ist, dass das Unternehmen sehr entgegenkommend auf Anfragen reagiert, die Anlagen zu besichtigen.
Zu Recht stolz sind die Mitarbeiter von Bell Flavors and Frangrances auf ihre Bibliothek. Schon der Gründer hatte eigene Forschungen durchgeführt und dazu auch Fachliteratur angeschafft. Im Laufe der Zeit kam so ein sehr wertvolles Archiv zusammen. Ähnliches gab es auch in anderen Leipziger Unternehmen. Während aber anderenorts die historischen Bestände nach dem Ende der DDR in einer Art Mischung aus Bildersturm und Zukunftsbesoffenheit untergingen, setzte sich der neue amerikanische Geschäftsführer R. Heinz beeindruckend energisch für die Pflege der Firmengeschichte ein. Vieles Erinnerungswürdige wurde aus den alten Gebäuden gerettet. Die Bibliothek im neuen Gebäude ist ein wahres Kleinod geworden. Wenigstens einen kleinen Teil diesen Engagements, auch finanziellem, das hier der amerikanische Geschäftsführer für die Pflege deutscher Wirtschaftsgeschichte eingesetzt hat, wünschte ich mir von unseren Landsleuten in ähnlicher Position.

Aus diesem Geschichtsbezug hatte sich leider Anfang der 90er Jahre ein ärgerlicher Konflikt entwickelt. Ursprünglich sollte neben dem Betrieb ein Gewerbegebiet entstehen und die Straße im Gewerbegebiet den Namen Schimmelstraße erhalten. Als diese Pläne bekannt wurden, sicherte sich das Unternehmen von der alten Bürgermeisterin schriftlich die Adresse Schimmelstr. 1 und gibt das seitdem als Adresse an, obwohl aus dem Gewerbegebiet nichts wurde und die Schimmelstr. nicht gebaut wurde. Diese Angabe einer nichtexistierenden Adresse hat zu Verwechslungen und damit verbunden teils heftigen Auseinandersetzungen geführt. Als nach der Eingemeindung Änderungen von Straßennahmen nötig wurden, wurde die Einfahrt ins Werk Schimmelstraße genannt und der Namensstreit endlich beigelegt. Schimmelstraße 1 ist seitdem die richtige Firmenadresse.

Erwähnenswert ist noch, dass der Betrieb eine sehr moderne Arbeitsorganisation hat und auch hier aufgeschlossen die internationale Entwicklung verfolgt, vieles, was das experimentierfreudige Management hier entwickelt hat setzt Maßstäbe auch für andere Leipziger Unternehmen. Das ist eine nicht zu unterschätzende Quelle des Firmenerfolges.
Die Amerikaner hatten ursprünglich nur den nördlichen Teil des alten Betriebes übernommen. Im südlichen Teil hatte der alte Geschäftsführer ein neues Unternehmen gegründet, das ebenfalls Duft- und Aromastoffe herstellte, allerdings auf der Basis von Synthesen. Immerhin 40 Mitarbeiter sind damit beschäftigt. Da beiden Firmen ähnliche Namen hatten, kam es in der Vergangenheit manchmal zu Verwechslungen. Das war vor allem für Bell Flavors & Frangrances geschäftsschädigend: Firmengeheimnisse gerieten durch fehlgeleitete Post zur Konkurrenz und verwirrte Kunden, die nicht ganz sicher waren, wirklich pflanzliche Produkte zu erhalten, könnten sich neue Lieferanten gesucht haben.. Inzwischen hat Bell Flavors & Fragrances auch den älteren südlichen Betriebsteil nach der Insolvenz und Abwicklung der Firma Miltitz Aromachemicals GmbH übernommen.


¹ Die Grenze zwischen den beiden bis 1937 selbständigen Dörfern war der Zschampert. Kleinmiltitz lag nordwestlich des Baches, Großmiltitz südöstlich.

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